Gastbeitrag von Stefan, größtem Kafka-Bewunderer, den ich kenne.

Was uns Kafka heute noch bedeuten sollte

Es ist Frühling 1991, ich bin in Prag und fahre mit der Straßenbahn in östlicher Richtung nach Strašnice, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof. Der Friedhofsvorsteher überreicht mir eine Kippa. Es ist schwierig, auf einem Friedhof ein ganz bestimmtes Grab zu suchen, wenn man nicht weiß, wo man suchen soll, aber der Weg ist übertrieben beschildert, Kafka links, Kafka rechts, dann noch ein Stück – nach wenigen Minuten bin ich da. Es ist eine helle, kubistischer Stele vor der ich dann stehe, umzingelt von schwarzen Granitblöcken, schon deshalb kann man die letzte Ruhestätte gar nicht verfehlen. Krähen flattern umher, lärmend. Ich stehe am Grab von

— DR. FRANZ KAFKA 1881-1924 —

und in meinem Kopf wirbelt alles durcheinander: Eine alte Fotografie der Prager Niklasbücke, „Die Moldau“ von Smetana, die „Tschechische Suite“ von Antonín Dvořák, der Nachruf von Kafkas
Freundin Milena Jesenská, „Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, aber die Bücher, die er schrieb, waren grausam und schmerzhaft.“ Die Zeit steht still, surreal, ein eingefrorener Moment. Ich bekomme wieder Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.

 

Die Maus, die Mauern, die Falle und die Katze

Es ist Ende Herbst 1981, die Sommerferien sind vorüber, ich bin in der 9. Klasse Gymnasium und stoße auf meinen ersten Kafka-Text. Ich habe in meiner gesamten Schullaufbahn nach den Ferien immer zuerst das neue Deutschbuch durchgeblättert – und lese die „Kleine Fabel“, die berühmte Parabel aus dem Jahr 1920 über die Maus, die sich wegen der Breite der Welt ängstigt, dann aber glücklich ist, dass in der Ferne links und rechts Mauern auftauchen, aber diese eilen so schnell aufeinander zu, dass sie schon im letzten Zimmer ist – und dort steht die Falle, in die sie läuft.
„Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.
Verstörend und zugleich das Klarste, was ich bis dahin gelesen hatte. Die dummer Maus. Die faule Katze, die nur abwartet. Alles aussichtslos. Schreckliche Welt. Wir haben diesen Text nie im Unterricht besprochen.

 

Der Beginn der Moderne

Es ist Sonntag, 22. September 1912, gegen 22 Uhr. Der lästige Familienbesuch ist endlich gegangen, nach und nach wird es ruhiger in der elterlichen Wohnung in der Prager Niklasstraße. In den nächsten acht Stunden schreibt Franz Kafka in einem Zug „Das Urteil“, eine heute merkwürdige Geschichte über den Kaufmannssohn Georg Bendemann, der heiraten will, aber vom Vater zum Tode durch Ertrinken verurteilt wird. In den frühen Morgenstunden kann Kafka kaum „die vom Sitzen steif gewordenen Beine unter dem Schreibtisch hervorziehen“. Es ist der Beginn der literarischen Moderne.

 

„Nur so kann geschrieben werden“

Kafka ist sich seiner Sache völlig sicher: „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“ Und er weiß, dass er ein Schriftsteller ist und dass er Prag verlassen muss, er will nach Berlin, aber der Ausbruch des Ersten Weltkriegs macht 1914 alles zunichte.

 

Das Naturtheater von Oklahoma

Es ist Frühling, Anfang Mai 2024 und ich lese wieder „Der Verschollene“, Kafkas erste Romanbaustelle, von Max Brod 1927 unter dem Titel „Amerika“ publiziert. Es ist der freundlichste seiner drei Ruinen und ich bin jedes Mal ergriffen vom Naturtheater von Oklahoma – weil es so ein schöner Gedanke ist: Ein Theater, in dem jeder das werden kann, was er sein möchte. Ein Dompteur, ein Clown, ein Hungerkünstler, der Zirkusdirektor, ein Kulissenschieber – oder einfach nur: Zuschauer.

„Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für das Theater in Oklahoma aufgenommen! Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier! Aber beeilt euch, damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwölf Uhr wird alles geschlossen und nicht mehr geöffnet! Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!“

 

„Restlos und ungelesen zu verbrennen“

Am 3. Juni 1924 stirbt Franz Kafka in Kierling bei Klosterneuburg an Tuberkulose. Nicht einmal 41 Jahre ist er alt geworden. „Liebster Max, meine letzte Bitte: alles was sich in meinem Nachlass (also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause und im Bureau, oder wohin sonst irgendetwas vertragen worden sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuscripten, Briefen, fremden und eigenen, Gezeichnetem u.s.w. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“
Sein Freund Max Brod ignoriert die Verfügung und rettet so einen der größten literarischen Schätze des 20. Jahrhunderts.

 

Die ungeheure Welt im Kopf

Es ist das Schreiben in der Nacht, im Schutz der Dunkelheit: „Warum wachst du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß da sein.“ Nachtschreiberei. Warum schreibst Du? Einer muss schreiben. Einer muss da sein. Franz, wohin gehst Du, was bleibt von Dir, hundert Jahre nach Deinem Tod? Die ungeheure Welt, die Du im Kopfe hattest. Die schonungslose Offenheit in Deinen Tagebüchern. Die mit Komik gespickte Romanruine „Der Process“ und die morgendliche Aktenverteilung an die hungrigen Beamten: „Er wollte keinen Trost, er wollte Akten.“ Und der gespenstische letzte Satz in „Das Schloß“: „Sie reichte K. die zitternde Hand und ließ ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe, sie zu
verstehen, aber was sie sagte“ Und: Die Sprache ernst nehmen.

Genau hinschauen, auf alles. Keine Angst haben, verrückt zu werden. Niemals die Fähigkeit verlieren, sich innerlich zu öffnen – die eigene Tiefe ist ein Brunnenschacht – die Gedanken sollen hervorsprudeln, alle Ventile geöffnet sein. Und all dieses handwerklich unter Kontrolle bringen. „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ Ein Satz aus Zürau.

 

Biertrinken mit Kafka in Prag

Wenn ich Dr. Franz Kafka heute treffen könnte – ein phantastischer Gedanke! – ich würde ihn einladen, ins „U Medvidku“ („Bei Bärchen“) – einer alten, großen Prager Bierstube. Ich hoffe, ich kann
seine ersten Fragen zu dieser ungewöhnlichen Situation – ein 100 Jahre toter Schriftsteller sitzt mit einem Unbekannten, einen ihn verehrenden Leser vor einem Humpen Bier – halbwegs beantworten. „Franz, Dein Freund Max hat nichts verbrannt.“

Kafka wäre irritiert – meine Duzerei würde ihm sofort auf die Nerven gehen, er kann es nicht leiden. Das wäre er immer noch, ein Zwangsneurotiker – empfindlich gegen alles: Lärm, Gewalt, Ungerechtigkeit, Unverschämtheiten. Ich würde ihm von den Comicfiguren Asterix & Obelix und ihrem Filmabenteuer mit dem „Passierschein A 38“ erzählen und dem sprichwörtlich wieherndem Amtsschimmel: „Stirbt ein Beamter während einer Dienstreise, so ist die Dienstreise beendet.“

Ich bin mir sicher, er würde laut lachen.

 

LESEN

  • Franz Kafka: Gesammelte Werke in 12 Bänden in der Fassung der Handschrift. (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)
  • Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen / Kafka. Die Jahre der Erkenntnis / Kafka. Die frühen Jahre. (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)
  • Andreas Kilcher (Hrsg.): Franz Kafka. Die Zeichnungen (C.H. Beck, München 2021)
  • Hartmut Binder: Kafkas Welt. Eine Lebenschronik in Bildern (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008

SEHEN

  • Kafka (2024) Sechsteilige Fernsehserie von David Schalko (Regie) und Daniel Kehlmann (Drehbuch) mit Joel Basman (Franz Kafka), David Kross (Max Brod), Nicholas Ofczarek (Hermann Kafka), Liv Lisa Fries (Milena Jesenská)
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  • Die Herrlichkeit des Lebens (2024) Spielfilm von Georg Maas und Judith Kaufmann (Regie undDrehbuch) mit Henriette Confurius (Dora Diamant) und Sabin Tambrea (Franz Kafka)
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  • Der Prozeß (1962) Literaturverfilmung von Orson Welles (Regie und Drehbuch) mit Anthony Perkins (Josef K.), Orson Welles (Rechtsanwalt Hastler), Jeanne Moreau (Marika Bürstner)
    Trailer

 

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