Quo vadis, Franz Kafka?

Quo vadis, Franz Kafka?

Gastbeitrag von Stefan, größtem Kafka-Bewunderer, den ich kenne.

Was uns Kafka heute noch bedeuten sollte

Es ist Frühling 1991, ich bin in Prag und fahre mit der Straßenbahn in östlicher Richtung nach Strašnice, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof. Der Friedhofsvorsteher überreicht mir eine Kippa. Es ist schwierig, auf einem Friedhof ein ganz bestimmtes Grab zu suchen, wenn man nicht weiß, wo man suchen soll, aber der Weg ist übertrieben beschildert, Kafka links, Kafka rechts, dann noch ein Stück – nach wenigen Minuten bin ich da. Es ist eine helle, kubistischer Stele vor der ich dann stehe, umzingelt von schwarzen Granitblöcken, schon deshalb kann man die letzte Ruhestätte gar nicht verfehlen. Krähen flattern umher, lärmend. Ich stehe am Grab von

— DR. FRANZ KAFKA 1881-1924 —

und in meinem Kopf wirbelt alles durcheinander: Eine alte Fotografie der Prager Niklasbücke, „Die Moldau“ von Smetana, die „Tschechische Suite“ von Antonín Dvořák, der Nachruf von Kafkas
Freundin Milena Jesenská, „Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, aber die Bücher, die er schrieb, waren grausam und schmerzhaft.“ Die Zeit steht still, surreal, ein eingefrorener Moment. Ich bekomme wieder Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.

 

Die Maus, die Mauern, die Falle und die Katze

Es ist Ende Herbst 1981, die Sommerferien sind vorüber, ich bin in der 9. Klasse Gymnasium und stoße auf meinen ersten Kafka-Text. Ich habe in meiner gesamten Schullaufbahn nach den Ferien immer zuerst das neue Deutschbuch durchgeblättert – und lese die „Kleine Fabel“, die berühmte Parabel aus dem Jahr 1920 über die Maus, die sich wegen der Breite der Welt ängstigt, dann aber glücklich ist, dass in der Ferne links und rechts Mauern auftauchen, aber diese eilen so schnell aufeinander zu, dass sie schon im letzten Zimmer ist – und dort steht die Falle, in die sie läuft.
„Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.
Verstörend und zugleich das Klarste, was ich bis dahin gelesen hatte. Die dummer Maus. Die faule Katze, die nur abwartet. Alles aussichtslos. Schreckliche Welt. Wir haben diesen Text nie im Unterricht besprochen.

 

Der Beginn der Moderne

Es ist Sonntag, 22. September 1912, gegen 22 Uhr. Der lästige Familienbesuch ist endlich gegangen, nach und nach wird es ruhiger in der elterlichen Wohnung in der Prager Niklasstraße. In den nächsten acht Stunden schreibt Franz Kafka in einem Zug „Das Urteil“, eine heute merkwürdige Geschichte über den Kaufmannssohn Georg Bendemann, der heiraten will, aber vom Vater zum Tode durch Ertrinken verurteilt wird. In den frühen Morgenstunden kann Kafka kaum „die vom Sitzen steif gewordenen Beine unter dem Schreibtisch hervorziehen“. Es ist der Beginn der literarischen Moderne.

 

„Nur so kann geschrieben werden“

Kafka ist sich seiner Sache völlig sicher: „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“ Und er weiß, dass er ein Schriftsteller ist und dass er Prag verlassen muss, er will nach Berlin, aber der Ausbruch des Ersten Weltkriegs macht 1914 alles zunichte.

 

Das Naturtheater von Oklahoma

Es ist Frühling, Anfang Mai 2024 und ich lese wieder „Der Verschollene“, Kafkas erste Romanbaustelle, von Max Brod 1927 unter dem Titel „Amerika“ publiziert. Es ist der freundlichste seiner drei Ruinen und ich bin jedes Mal ergriffen vom Naturtheater von Oklahoma – weil es so ein schöner Gedanke ist: Ein Theater, in dem jeder das werden kann, was er sein möchte. Ein Dompteur, ein Clown, ein Hungerkünstler, der Zirkusdirektor, ein Kulissenschieber – oder einfach nur: Zuschauer.

„Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für das Theater in Oklahoma aufgenommen! Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier! Aber beeilt euch, damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwölf Uhr wird alles geschlossen und nicht mehr geöffnet! Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!“

 

„Restlos und ungelesen zu verbrennen“

Am 3. Juni 1924 stirbt Franz Kafka in Kierling bei Klosterneuburg an Tuberkulose. Nicht einmal 41 Jahre ist er alt geworden. „Liebster Max, meine letzte Bitte: alles was sich in meinem Nachlass (also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause und im Bureau, oder wohin sonst irgendetwas vertragen worden sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuscripten, Briefen, fremden und eigenen, Gezeichnetem u.s.w. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“
Sein Freund Max Brod ignoriert die Verfügung und rettet so einen der größten literarischen Schätze des 20. Jahrhunderts.

 

Die ungeheure Welt im Kopf

Es ist das Schreiben in der Nacht, im Schutz der Dunkelheit: „Warum wachst du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß da sein.“ Nachtschreiberei. Warum schreibst Du? Einer muss schreiben. Einer muss da sein. Franz, wohin gehst Du, was bleibt von Dir, hundert Jahre nach Deinem Tod? Die ungeheure Welt, die Du im Kopfe hattest. Die schonungslose Offenheit in Deinen Tagebüchern. Die mit Komik gespickte Romanruine „Der Process“ und die morgendliche Aktenverteilung an die hungrigen Beamten: „Er wollte keinen Trost, er wollte Akten.“ Und der gespenstische letzte Satz in „Das Schloß“: „Sie reichte K. die zitternde Hand und ließ ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe, sie zu
verstehen, aber was sie sagte“ Und: Die Sprache ernst nehmen.

Genau hinschauen, auf alles. Keine Angst haben, verrückt zu werden. Niemals die Fähigkeit verlieren, sich innerlich zu öffnen – die eigene Tiefe ist ein Brunnenschacht – die Gedanken sollen hervorsprudeln, alle Ventile geöffnet sein. Und all dieses handwerklich unter Kontrolle bringen. „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ Ein Satz aus Zürau.

 

Biertrinken mit Kafka in Prag

Wenn ich Dr. Franz Kafka heute treffen könnte – ein phantastischer Gedanke! – ich würde ihn einladen, ins „U Medvidku“ („Bei Bärchen“) – einer alten, großen Prager Bierstube. Ich hoffe, ich kann
seine ersten Fragen zu dieser ungewöhnlichen Situation – ein 100 Jahre toter Schriftsteller sitzt mit einem Unbekannten, einen ihn verehrenden Leser vor einem Humpen Bier – halbwegs beantworten. „Franz, Dein Freund Max hat nichts verbrannt.“

Kafka wäre irritiert – meine Duzerei würde ihm sofort auf die Nerven gehen, er kann es nicht leiden. Das wäre er immer noch, ein Zwangsneurotiker – empfindlich gegen alles: Lärm, Gewalt, Ungerechtigkeit, Unverschämtheiten. Ich würde ihm von den Comicfiguren Asterix & Obelix und ihrem Filmabenteuer mit dem „Passierschein A 38“ erzählen und dem sprichwörtlich wieherndem Amtsschimmel: „Stirbt ein Beamter während einer Dienstreise, so ist die Dienstreise beendet.“

Ich bin mir sicher, er würde laut lachen.

 

LESEN

  • Franz Kafka: Gesammelte Werke in 12 Bänden in der Fassung der Handschrift. (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)
  • Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen / Kafka. Die Jahre der Erkenntnis / Kafka. Die frühen Jahre. (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)
  • Andreas Kilcher (Hrsg.): Franz Kafka. Die Zeichnungen (C.H. Beck, München 2021)
  • Hartmut Binder: Kafkas Welt. Eine Lebenschronik in Bildern (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008

SEHEN

  • Kafka (2024) Sechsteilige Fernsehserie von David Schalko (Regie) und Daniel Kehlmann (Drehbuch) mit Joel Basman (Franz Kafka), David Kross (Max Brod), Nicholas Ofczarek (Hermann Kafka), Liv Lisa Fries (Milena Jesenská)
    Trailer
  • Die Herrlichkeit des Lebens (2024) Spielfilm von Georg Maas und Judith Kaufmann (Regie undDrehbuch) mit Henriette Confurius (Dora Diamant) und Sabin Tambrea (Franz Kafka)
    Trailer
  • Der Prozeß (1962) Literaturverfilmung von Orson Welles (Regie und Drehbuch) mit Anthony Perkins (Josef K.), Orson Welles (Rechtsanwalt Hastler), Jeanne Moreau (Marika Bürstner)
    Trailer

 

Eine Liebeserklärung an das Lesen: Die 1. Stuttgarter Buchmesse 2024

Eine Liebeserklärung an das Lesen: Die 1. Stuttgarter Buchmesse 2024

Buchmesse in Stuttgart. Buchmesse? In Stuttgart? Fast. Die 1. Stuttgarter Buchmesse fand am 9. März BEI Stuttgart statt, in Fellbach, und große Erwartungen hatte ich nicht. Wer bitte schön verirrt sich nach Fellbach, um ein paar Bücher anzuschauen?

Vor der Schwabenlandhalle ein Menschenauflauf, kurze Irritation, aber diese Menschen sind nicht wegen Büchern hier. Sie demonstrieren für Vielfalt und Frieden (was auch schön ist).

 

Regionale Autoren und Selfpublisher im Fokus

Zur Messe geht‘s um die Halle herum, zum Hintereingang. Aha, denke ich ernüchtert. Doch auch hier stehen Menschen, viele Menschen und die sind jetzt wirklich wegen der Bücher hier. Die Menge schlängelt sich über den Platz und wird in 20er-Blöcken eingelassen, viele junge Frauen unter ihnen.

 

 

 

Nach 30 Minuten bin ich drin (kann mich nicht erinnern,  jemals irgendwo 30 Minuten wegen Büchern angestanden zu haben), stehe in einer proppenvollen Halle vor liebevoll dekorierten Büchertischen, oft in zweiter Reihe wegen des großen Andrangs.

 

Auf der 1. Stuttgarter Buchmesse in Fellbach. Blick in den Ausstellungsraum.

Lässt sich die Liebe zum Lesen spüren? Mein subjektives Empfinden: Ja! In Fellbach!

 

New Romance, Fantasy und Krimis: Die neuen Lieblingsgenres 

Hier stellen Autoren aus kleineren und regionalen Verlagen und Selfpublisher aus, unterhalten sich ausgiebig mit den Messebesuchern, viele der Autoren und Autorinnen haben eine junge Fanbase, begeisterte Leser und Leserinnen, die extra zur Messe angereist sind.

Die neuen Genres heißen: Romance, Romantasy, Dark Romance, Young Adult oder New Adult. Oft schreiben die Autoren und Autorinnen ganze Reihen, viele Bücher haben auffallend gestaltete Cover.

Weitere Schwerpunkte an den Messetischen: Krimis, Fantasy, historische Romane und Kinderbücher.

 

Die Bücher finden am Samstag zügig Abnehmer, an vielen Tischen zeigt ein „Ausverkauft“-Schild an, dass die mitgebrachten Exemplare vergriffen sind.

 

Eine Liebesgeschichte in New York: Ich könnte ewig zuhören

Dann eben vorlesen lassen!

Über 20 Lesungen sind anberaumt, ich erwische die der Stuttgarter Autorin Lucinde Hutzenlaub, die ihren historischen Roman „In Liebe, Deine Paula“ vorstellt.

Es geht um Paula, die in Gablenberg aufgewachsene Großmutter der Autorin. Paula wandert in den 1930er Jahren nach New York aus und wird Dienstmädchen bei den Rockefellers. Ich könnte ewig zuhören! Es stört nicht mal das ohrenbetäubende „Imagine“ der Demonstranten auf dem Platz vor der Halle, das in den Mörikesaal dröhnt.

 

Glücklich mit Leselicht

Irgendetwas möchte ich aber kaufen, auch wenn es kaum noch Bücher gibt. Ich stoppe vor  einem schwarzen Kasten in Augenhöhe, den man mit Vorhängen verdunkeln kann.

Eine kleine Lampe, an der Brille befestigt, bringt so viel Helligkeit dort hinein, dass ich die an der Kastenwänden aufgeklebten Texte lesen kann. Juhu, ein Leselicht! Gekauft.

 

Später Nachmittag. Unbeirrt schieben sich Mensch durch die Tischreihen. Es wird diskutiert, in Büchern geblättert, fotografiert, gelacht.

Eine unerwartete Liebeserklärung an das Lesen. Eine New Romance. In Fellbach.

 

Der Termin für die zweite „Stuttgarter“ Buchmesse steht schon fest: 22. Februar 2025.

Infos zu den Veranstaltern Stefan Zeh und Ann-Katrin Zellner gibt es hier:  https://stuttgarter-buchmesse.de/veranstalter/

Und hier die offizielle Seite.

Buch-Tipp: Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert

Buch-Tipp: Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert

Miriam Meckel und Léa Steinacker tauchen in ihrem Buch „Alles überall auf einmal“ tief ins Thema KI ein. Verständlich und unterhaltsam erklären sie, warum ein Verständnis der generativen Sprachmodelle für jede und jeden von uns wichtig ist. Und machen klar: Welches Szenario auf uns wartet, liegt in unserer eigenen Verantwortung. 

 

Eine Chinesin hat Schwierigkeiten mit ihrer Steuererklärung. Dieser lapidare Satz kündigt auf einem Langstreckenflug der Autorinnen den Film „Everything Everywhere All at Once“ an. Das Werk aus dem Jahr 2022, mit sieben Oscars ausgezeichnet, ist titelgebend für Miriam Meckels und Léa Steinackers Mitte Februar erschienenes Buch „Alles überall auf einmal“. Es bietet einen spannenden Einblick in aktuelle Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz.

 

Denn anders als der langweilige Teaser im Flieger vermuten lässt, erzählt der Film in einem Affentempo und hart geschnitten eine wahnwitzige Geschichte aus dem Multiversum, einer Welt mit unendlich vielen alternativen Realitäten und Möglichkeiten.

 

Komplex und überfordernd

Der Film sei eine Metapher für die Zeit, in der wir uns bewegen, konstatieren die Autorinnen. Ein Bild für unsere Überforderung und die Komplexität der aktuellen Veränderungen. Mit KI sind wir zwar schon lange konfrontiert – in den sozialen Medien, auf Netflix, bei Amazon oder in der Medizin – ohne, dass wir bisher darüber groß nachgedacht haben.

 

Der iPhone-Moment der Künstlichen Intelligenz

Der „iPhone-Moment“ kam aber erst mit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende November 2022. Seither sollte jedem oder jeder, der oder die den Chatbot von Open AI oder eines der anderen KI-Tools ausprobiert, dämmern, welches Potenzial die Technologie entfalten kann – und wird.

Und was das für uns, unsere Art zu schreiben, zu denken, zu forschen, zu lernen und ganz allgemein für unsere Arbeit und unser Leben in naher Zukunft bedeuten wird.

 

Zwischen Faszination und Unsicherheit

Deep Fakes, Halluzinationen, antrainierte Vorurteile, Realitätsverzerrung, Datenschutzprobleme: Es gibt viele Gründe, der neuen Technologie zu misstrauen.

Angst entsteht oft durch Unsicherheit vor etwas Neuem, durch Halbwissen, durch „Sich-gar-nicht-erst-Rantrauen“. Hier setzen Miriam Meckel und Léa Steinacker an: Mit einem Blick in die Geschichte der KI (die mit der Vision einer klugen Frau begann), mit Szenarien, die sowohl Chancen als auch Gefahren der generativen Sprachmodelle aufzeigen. Und einer durchaus kritischen Sicht auf aktuelle Entwicklungen.

 

Ein Problem: Textinzest

Ein Problem von vielen: Textinzest.  Für die großen Sprachmodelle, mit Milliarden Worten trainiert, seien die digital verfügbaren Originaltexte nahezu ausgelesen, erläutern die Autorinnen: Anschließend trainiere generative KI vor allem mit Texten, die sie selbst erschaffen hat.

Ein „Selbstverstärkungsmechanismus, in dem der Remix wächst und die Originalität schrumpft“.

Die Folge: Die Modelle werden immer schlechter darin, gute Inhalte auszuwerfen, machen Fehler – und kollabieren irgendwann.

 

Chancen und Risiken generativer Sprachmodelle

Die Autorinnen tauchen tief ins Thema ein, betrachten es aus wirtschaftlicher, soziologischer, philosophischer, praktischer und biologischer Perspektive – und öffnen uns damit verständlich, klug und unterhaltsam einen Raum, der uns die komplexen Zusammenhänge nachvollziehen lässt. Und das sei für jede und jeden für uns entscheidend, sagen sie: „Nichtwissen ist (…) die sichere Voraussetzung dafür, von der modernen Dampfmaschine namens KI überrollt zu werden“.

 

 

Die Zukunft der Arbeit in Zeiten der KI

Alle Prognosen sagen vorher, dass die generativen Sprachmodelle vor allem die hochbezahlten Jobs von gut ausgebildeten Wissensarbeitern gefährden werden.

Eine Kränkung, die alles, was uns in der Arbeitswelt als sicher galt, in Frage stellt und entwertet.

Darauf muss es Antworten geben, Rahmenbedingungen von der Politik. Aber auch Perspektiven für jeden Einzelnen.

 

Lesen und schreiben in der digitalen Welt

Was bedeutet es etwa, wenn nachfolgende Generationen das Lesen und Schreiben nach und nach verlernen, weil sie es nicht mehr anwenden müssen? „Wer Schrift erlernt, im Lesen wie im Schreiben, übt sich darin, unsere komplexe Welt zu verstehen“, heißt es im Buch.

Schreiben eröffne, übe und diszipliniere das Denken. Im Umkehrschluss: „Je mehr KI die Welt beschreibt, desto weniger werden wir in der Lage sein, ihre Komplexität (durch Sprache) zu erfassen“.

Die Welt verschwimmt.

 

KI entzaubert

An vielen Stellen im Buch entzaubern Meckel und Steinacker die neue Technologie, zeigen ihre Grenzen. Ja, wir können jetzt mit Maschinen sprechen. Aber schon der Begriff „Intelligenz“ sei unscharf und führe zu Missverständnissen.

Intelligenz, wie wir sie verstehen, setze ein Bewusstsein voraus. Eine Biologie, Hormone, Gefühle wie Neugier oder Interesse, Erfahrungen. Liebe.

 

Gefahr oder Chance: Es liegt an uns

Das Buch entlässt uns mit zwei erdachten Szenarien: Einer Dystopie und einem optimistischen Ausblick.

Und mit einem fiktiven Gespräch zwischen den Welten und Epochen: Evelyn (fiktive Waschsalonbesitzerin aus „Everything Everywhere All at Once“), und die (realen) Vordenker der Künstlichen Intelligenz, Ada Lovelace und Alan Turing, diskutieren die Grenzen von und zwischen Menschen und Maschinen.

Wie die Geschichte ausgeht,  liegt an uns.

 

 

Die Autorinnen

Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, als Gastprofessorin lehrte sie an der Universität Harvard, in Singapur, New York und in Wien.

Léa Steinacker ist Sozialwissenschaftlerin und Unternehmerin, studierte in Princeton und Harvard und promovierte an der Universität St. Gallen über die sozialen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz.

Quelle: Rowohlt Verlag

 

 

 

 

Cover des Buches: Alles überall auf einmal von Miriam Meckel und Léa Steinacker

Miriam Meckel, Léa Steinacker: Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können. Rowohlt, 2024, 400 Seiten, 26 Euro.

Hier gibt es eine Leseprobe

Memoir & Co: Autobiografisches Schreiben entdecken

Memoir & Co: Autobiografisches Schreiben entdecken

Kennst du den Begriff „Memoir“? In dieser Form des autobiografischen Schreibens nimmst du besondere Momente deines Lebens unter die Lupe, zoomst quasi in bestimmte Kapitel hinein. Statt wie in einer Autobiografie einen ganzen Lebensweg nachzuzeichnen, konzentrierst du dich im Memoir auf besondere Ereignisse, Phasen oder Themen, die dir am Herzen liegen.

 

Schreib deine eigene Geschichte

Meist geht es in einem Memoir um einen Umbruch, einen Neuanfang, eine schwierige Phase im Leben. Genau das macht das Genre für Schreibende so interessant: In ihm brodeln Drama und Emotion, sein Inhalt ist dynamisch und handlungsgetrieben und plätschert nicht leise vor sich hin wie (meist) in einer Autobiografie.

Jeder von uns hat diesen einen Sommer, der alles verändert hat. Oder diese eine, alles verändernde Reise. Eine prägende Erfahrung in der Kindheit. Das Klassentreffen nach 30 Jahren. Ein Abschied. Die Geschichte eines Bruchs und eines Neuanfangs.

Eine besondere Geschichte, die es wert ist

Im persönlichen Schreiben können wir diese Geschichten erzählen. Es muss nicht gleich ein ganzes Leben sein. Fang einfach mit einer besonderen Geschichte an. Einer Erfahrung, die es wert ist, erzählt, aufbewahrt und (vielleicht) von anderen gelesen zu werden.

Persönliches Schreiben ist eine gute Übung. Und im überschaubaren Setting einer einzelnen Erfahrung verliert man sich nicht so leicht und kann sich tief auf Details, Stil, Stimmung und Handlung einlassen und sie intensiv beschreiben. Man übt sich im Schreiben, ohne gleich mit einem großen Projekt und Erwartungen belastet zu sein.

Raum für innere Reflexion

Persönliches Schreiben schenkt uns einen Raum für innere Reflexion. Und indem wir unsere eigene Geschichte erzählen, verstehen wir uns selbst besser. Vielleicht kann unsere Geschichte anderen Menschen helfen oder sie inspirieren. Du kannst das Geschriebene aber auch einfach für dich behalten. Manchmal ist das Aufschreiben persönlicher Erlebnisse emotional belastend. Hör in dich hinein, ob du vielleicht Unterstützung brauchst.

Eine Frau mit rotem Nagellack hält eine Tasse und ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Man sieht nur einen Ausschnitt vom Hals bis zur Hand.

 

Fünf Gründe, ein Memoir zu schreiben

Es gibt viele Gründe, warum uns das Schreiben über unser eigenes Leben emotional guttut. Hier sind fünf davon:

• Wir schaffen Ordnung in unserer Lebensgeschichte. Wenn wir über unsere Vergangenheit schreiben, sortieren wir unsere Erinnerungen und Erlebnisse zu einer sinnvollen Abfolge. Wir suchen nach Zusammenhängen, Ursachen und Wirkungen, Höhe- und Wendepunkten. Wir geben unserem Leben einen roten Faden.

• Wir formen unser Leben aktiv. Wenn wir autobiografisch schreiben, entscheiden wir selbst, was wir erzählen wollen und wie wir es erzählen wollen. Wir wählen aus, was uns wichtig ist, was wir betonen oder weglassen, wie wir uns selbst und andere darstellen. Wir gestalten unsere Geschichte nach unseren eigenen Vorstellungen und Werten.

• Wir verstehen uns selbst besser. Wenn wir über unser Leben schreiben, reflektieren wir über unsere Erfahrungen, Gefühle, Gedanken und Motive. Wir treten in einen Dialog mit uns selbst, zwischen dem erlebenden und dem schreibenden Ich. Wir erkennen, wie wir geworden sind, wer wir sind, und was uns ausmacht.

 

There is no greater agony than
bearing an untold story inside you.

 

 

Maya Angelou, amerikanische Autorin und Bürgerrechtlerin

 

 

•Wir werden achtsamer. Wenn wir unser Leben schriftlich festhalten, schärfen wir unseren Blick für die Details, die unser Leben ausmachen. Wir nehmen uns Zeit, um in die Vergangenheit einzutauchen, und schreiben mit allen Sinnen. Wir lernen, unser Leben zu schätzen, auch die schwierigen oder schmerzhaften Momente

• Wir bewahren unsere Geschichte. Wir teilen unsere Erfahrungen, Erkenntnisse, Werte und Botschaften mit anderen. Wir werden Teil einer größeren Geschichte, die über uns hinausgeht.

Das sind nur einige der vielen Vorteile, die das persönliche oder autobiografische Schreiben für unsere emotionale Gesundheit hat.

 

Vielleicht hast du dir schon überlegt,  wie du ein erstes autobiografisches Kapitel angehen kannst. Oder du nutzt das persönliche Schreiben, um Erzähltechniken und Schreibstile auszuprobieren. Hier kommen ein paar Tipps, um anzufangen.

Den Fokus finden

Das Geheimnis liegt darin, das Richtige zu erzählen. Wähle als Thema etwas, das dich verändert, deinem Leben eine andere, neue Richtung gegeben hat. Eine Reise, eine Herausforderung oder einen Wendepunkt. Denke an Momente, und Entscheidungen, die dich geprägt haben.

Emotionale Tiefe erzeugen

Manchmal sind es auch kleinen Geschichten, die tief berühren. Eine Kindheitserinnerung, eine Freundschaft, ein Abschied. Was bewegt dich, wenn du daran denkst? Das ist oft ein guter Anhaltspunkt.

Warum sollte jemand deine Geschichte lesen? Weil sie authentisch ist, weil sie Resonanz erzeugt. Denke darüber nach, wie deine persönlichen Erlebnisse große Themen berühren – Liebe, Verlust, Wachstum, Überwindung.

Frau schreibt mit Füller und hat ein geöffnetes Buch neben sich.

Struktur und Planung

Jede Geschichte braucht eine Struktur. Wo beginnt deine Reise? Was sind die Schlüsselmomente? Und wie endet sie? Mach dir Notizen zu diesen Schlüsselpunkten.

Dein erster Entwurf ist nur ein Anfang. Ändere ihn, wenn deine Geschichte es erfordert.

Zeitstruktur

Chronologisch: Die einfachste Form ist, deine Geschichte in der Reihenfolge zu erzählen, wie sie passiert ist. Das gibt dem Leser einen klaren zeitlichen Rahmen.

Thematisch: Manchmal ist es sinnvoller, Geschichten nach Themen zu gruppieren. So kannst du tief in bestimmte Aspekte deines Lebens eintauchen, ohne dich an die Chronologie zu binden.

Klein anfangen

Episoden sammeln: Schreibe kleine Geschichten oder Anekdoten auf, die dein Thema beleuchten. Diese Episoden sind wie Puzzleteile, die zusammen dein Memoir bilden.

Verbindungen schaffen: Sieh, wie diese Episoden miteinander interagieren. Manchmal entdeckt man überraschende Verbindungen, wenn man die Teile nebeneinanderlegt.

Authentizität und Emotionen

Ein Memoir lebt von seiner Echtheit und emotionalen Tiefe. Deine Leser wollen deine „richtige“ Stimme hören. Schreib so, wie du sprichst und denkst. So wird deine Geschichte glaubwürdig und greifbar.

Emotionen sind wichtig und geben dem Geschriebenen Tiefe. Zu viel Drama kann aber kitschig und peinlich wirken. Hier geht es ums Ausbalancieren. Finde deine Schreibstimme. Probiere so lange herum, bis es sich für dich richtig anfühlt.

Vermeide komplizierte Satzstrukturen oder Fremdwörter. Deine Geschichte soll so zugänglich wie möglich werden. Nutze vielleicht Bilder und Vergleiche, um deine Erinnerungen und Gefühle zum Leben zu erwecken.

Überarbeitung und Feedback

Ein gutes Memoir entsteht nicht beim ersten Entwurf. Überarbeitung und Feedback sind essentielle Schritte im Schreibprozess.

Lass deinen Text nach dem ersten Entwurf ruhen. Mit etwas Abstand kannst du ihn später objektiver überarbeiten.

Feinschliff: Achte auf Flüssigkeit, Klarheit und Konsistenz. Streiche alles, was nicht zum Kern deiner Geschichte beiträgt.

Hol dir Feedback: Lasse Vertraute deinen Entwurf lesen. Konstruktives Feedback kann deine Geschichte verbessern. Sei offen dafür, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Und: Respektiere die Persönlichkeitsrechte Dritter. Also von den realen Menschen, über die du in deiner Geschichte schreibst. Hier gibt es persönliche und juristische Grenzen, die du niemals überschreiten solltest. Mach dir darüber Gedanken, sprich mit den Personen und informiere dich darüber, was erlaubt ist.

 

Glossar: Formen persönlichen Schreibens

Autobiografie

Eine ausführliche Darstellung des Lebens einer Person, geschrieben von ihr selbst. Autobiografien sind oft chronologisch und decken meist das gesamte Leben des Autors ab. Sie betonen historische und soziale Kontexte und wie diese das Leben des Autors geprägt haben. Neuere Beispiele von bekannten Autobiografien sind etwa „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, „Becoming“ von Michelle Obama oder „Das Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls.

 

Memoir

Dieses Genre konzentriert sich auf spezifische Aspekte oder Zeiträume im Leben des Autors, statt auf sein gesamtes Leben. Memoirs sind themen- oder ereigniszentriert und enthalten oft reflexive Gedanken und emotionale Einblicke. Sie legen den Schwerpunkt auf persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse. Aktuell hat zum Beispiel Daniel Schreiber mit „Zeit der Verluste“ ein Memoir geschrieben, in dem er den Tod seines Vaters und seinen Umgang mit der Trauer thematisiert.

 

Persönliches Essay

Ein kurzes Werk, das subjektive Gedanken, Gefühle und Reflexionen über ein bestimmtes Thema vermittelt. Persönliche Essays nutzen oft stilistische Freiheiten und sind weniger formgebunden als andere autobiografische Formen. Ein Beispiel ist Joan Didions Essay „The Year of Magical Thinking“.

 

Tagebuch

Im Gegensatz zu anderen Formen des autobiografischen Schreibens ist ein Tagebuch oft nicht für die Veröffentlichung gedacht, sondern dient dem persönlichen Gebrauch. Die bekannteste  Tagebuchveröffentlichung ist sicher „Das Tagebuch der Anne Frank„. Auch die Tagebücher von Victor Klemperer, Virginia Woolf, Sylvia Plath oder Franz Kafka zeichnen im persönlichen Schreiben ein Bild ihrer Zeit.

 

Erinnerungen

In Erinnerungen werden vergangene Erfahrungen aus der Perspektive des Jetzt erzählt. Oft wird nicht nur beschrieben, was passiert ist, sondern auch, wie diese Ereignisse vom Autor im Nachhinein reflektiert und interpretiert werden. Das Buch „Nichts, was man fürchten müsste“ von Julian Barnes ist ein gutes Beispiel für die Memoirenliteratur, in der er über den Tod und das Altern philosophiert.

 

Reiseliteratur

Ein Genre, das persönliche Erlebnisse und Beobachtungen während der Reisen des Autors beschreibt. Diese Art von Schreiben kann Elemente von Memoiren, Tagebüchern und Essays beinhalten, mit einem starken Fokus auf Orte, Kulturen und persönliche Entdeckungen. „Songlines“ von Bruce Chatwin über seine Reise durch Australien liebe ich sehr. Weitere Beispiele sind: „Eat, Pray, Love“ von Elizabeth Gilbert oder „Wild: From Lost to Found on the Pacific Crest Trail“ von Cheryl Strayed.

Sieben Bücher, die Lebensgeschichten und Autobiografien beinhalten auf einem Tisch.

Lebensgeschichte

Das Genre „Lebensgeschichte“ beschäftigt sich mit der Darstellung eines Lebens oder wesentlicher Teile davon. Es unterscheidet sich von der Autobiografie dadurch, dass der Text nicht unbedingt von der Hauptperson selbst verfasst sein müssen. Oft werden diese Geschichten von anderen Personen geschrieben, basierend auf Erzählungen, Interviews oder Forschungen. Hier sind einige Beispiele: „Steve Jobs“ von Walter Isaacson: Die Biografie des Apple-Mitbegründers basiert auf Interviews mit Jobs sowie mit Familie, Freunden, Kollegen und Konkurrenten. „Schindlers Liste“ von Thomas Keneally. Oder auch: „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt.

 

Epistolare Autobiografie

Eine seltener anzutreffende Form, in der die Lebensgeschichte des Autors durch Briefe erzählt wird. Diese können sowohl tatsächlich versandte Briefe sein als auch fiktive, die speziell für das Werk verfasst wurden. Beispiele sund „Briefe an Milena“ von  Franz Kafka oder „Briefe aus dem Gefängnis“ von Nelson Mandela. 

 

Kreatives Sachbuch

Das Genre „Kreatives Sachbuch“ (auch „Literarisches Sachbuch“ oder „Creative Nonfiction“ genannt) umfasst Bücher, die auf Fakten und realen Begebenheiten basieren, aber in einem erzählerischen, oft literarischen Stil präsentiert werden. Diese Art des Schreibens verbindet die Recherche und die sachliche Genauigkeit des Sachbuchs mit den stilistischen und erzählerischen Techniken der Belletristik. Beispiele sind: „H wie Habicht“ von Helen Macdonald, „Die Mittagsfrau“ von Julia Franck oder „Heimat“ von Nora Krug. Dieses grafische Memoir ist eine persönliche Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und der eigenen Familiengeschichte. Krug kombiniert persönliche Erzählungen mit Fotografien, Archivmaterial und Illustrationen.

 

Biografische Skizze

Eine kurze Darstellung eines Aspekts des Lebens einer Person, oft geschrieben von einem anderen. Diese Skizzen sind meist anekdotisch und zielen darauf ab, ein lebendiges Bild einer (oft berühmten) Person zu vermitteln. 

 

Literarischer Journalismus

Auch bekannt als „New Journalism“, verwendet diese Form des Schreibens seit den 1970er Jahren literarische Techniken, um nichtfiktive Geschichten zu erzählen. Sie wird oft für Artikel und Reportagen verwendet, die sich auf persönliche Erlebnisse des Autors stützen. Zwei bekannte Autoren des Genres sind Stefanie Sargnagel und Moritz von Uslar.

 

Digitales Storytelling

Eine moderne Form des autobiografischen Schreibens, die multimediale Elemente wie Text, Bilder, Audio und Video einbindet. Digitales Storytelling wird häufig in Blogs, Podcasts und auf sozialen Medien praktiziert und für Marketing eingesetzt.

 

Schreibimpulse

Dein erster Schultag: Beschreibe deine Gefühle, Erwartungen und die Atmosphäre dieses Tages. Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Lieblingsessen aus der Kindheit: Erzähle von einem Gericht, das dich an deine Kindheit erinnert. Wer hat es zubereitet? Gibt es eine besondere Geschichte oder Tradition, die damit verbunden ist?

Ein prägender Sommer: Denke an einen Sommer zurück, der für dich besonders wichtig war. Was hat diesen Sommer so besonders gemacht? Welche Menschen, Ereignisse oder Erlebnisse sind dir in Erinnerung geblieben?

Eine unvergessliche Reise: Erzähle von einer Reise, die einen tiefen Eindruck bei dir hinterlassen hat. Was hast du erlebt, gesehen und gefühlt? Wie hat diese Reise deine Sichtweise oder dein Leben verändert?

Ein Gespräch mit deinem jüngeren Ich: Stelle dir vor, du könntest mit deinem zehnjährigen Ich sprechen. Was würdest du ihm/ihr erzählen? Was würdest du gerne von deinem jüngeren Ich hören?

Eine alternative Realität: Überlege dir, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du an einem entscheidenden Punkt eine andere Entscheidung getroffen hättest. Beschreibe einen Tag in diesem alternativen Leben.

Das unerwartete Geschenk: Erzähle von einem Geschenk, das du einmal erhalten hast, das zunächst unbedeutend oder seltsam erschien, aber eine tiefe Bedeutung oder einen großen Einfluss auf dein Leben hatte.

 

An welches autobiografische Buch denkst du gern zurück? Schreibst du selbst persönliche Geschichten? Kommentiere gerne unter diesem Beitrag.

Sachbücher im Herbst: Zukunft, Realität und kreatives Sein

Sachbücher im Herbst: Zukunft, Realität und kreatives Sein

Die Zukunft selbst gestalten, statt sie einfach nur geschehen lassen: Dafür plädiert Florence Gaub in ihrem Buch „Zukunft. Eine Bedienungsanleitung“. Der britische Autor Oliver Burkeman erklärt uns, warum er positives Denken für komplett überbewertet hält. Und es gibt gesammelte Lebensweisheiten von Ikone Rick Rubin.  

 

Buchcover: Zukunft von Florence Gaub

Zukunft: Aufbruch ins Unbekannte

Die Zukunft als ein unentdecktes Land: Mit einem Zitat aus Star Trek VI beginnt Florence Gaub ihre Bedienungsanleitung für die Zukunft. Und macht gleich klar: Für die meisten Menschen ist Zukunft etwas, das passiert, nicht ein Raum, den sie gestalten. Zukunft –  das ist derzeit ein ziemlich düsterer Ort, an dem Krisen und Verwerfungen warten.

Und einer, dem niemand viel Beachtung schenkt: Schon in der Schule stehe rückwärtsgerichtetes Wissen auf dem Lehrplan, nicht zukunftorientiertes, stellt Gaub fest: Latein und Geschichte statt Weltraumforschung.

Die Zukunft ist das, was du daraus machst
Doc Brown, Zurück in die Zukunft III (1990) 

Wissenschaft: Die Entdeckung der Zukunft

Von hier aus beginnt die Politikwissenschaftlerin und Militärstrategin ihre Fahrt ins Unbekannte, aber auch sie reist zunächst zurück in Geschichte, Philosophie und die Entdeckung der Zukunft, wie wir sie kennen: Ins 17. Jahrhundert.

Denn die Geburt der Wissenschaft und das Wissen von Ursache und Wirkung nahm damals die Verantwortung für unsere Zukunft aus der gottgegebenen Ordnung heraus und legte sie uns in die eigenen Hände.

Seither können wir uns die Zukunft nicht mehr nur vorstellen. Wir können sie planen und beeinflussen.

Tagträume: Die Macht des Vorstellungsvermögens

Was die Zukunft mit Tagträumen und dem gregorianischen Kalender zu tun hat und wie Katastrophen- und Wunschdenken unsere Zukunft beeinflussen, erzählt Florence Gaub anhand unterhaltsamer Fakten und Anekdoten aus Geschichte, Neurowissenschaften, Psychologie und Sozialwissenschaften.

Zumindest reißt sie diese an. Mehr ist auf knapp 200 Seiten nicht zu schaffen. Auch als Hörbuch zu empfehlen, Florence Gaub liest selbst.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Florence Gaub: Zukunft. Eine Bedienungsanleitung. dtv Verlagsgesellschaft, 2023, 188 Seiten, 20 Euro

 

 

Warum sich die Zukunft nicht beherrschen lässt

Das Buch des Journalisten und Autors Oliver Burkeman „Das Glück ist mit den Realisten“ knüpft sich ebenfalls die Zukunft vor – kommt allerdings zu völlig anderen Ergebnissen. Im Kapitel „Zielbesessen“ erklärt der Brite, warum sich die Zukunft gerade nicht beherrschen lässt.

Zielsetzung: Sinnvolle Planung oder gefährliche Illusion?

Ein Allzeit-Erfolgs-Rezept von Businessratgebern und Selbstoptimierungs-Gurus ist das „Zielesetzen“. Doch was, wenn Zielbesessenheit genau ins Gegenteil umschlägt?

Burkeman erläutert diesen Effekt anhand der Katastrophe, die sich 1996 am Gipfel des Himalayas ereignet und acht Bergsteigern das Leben gekostet hat. In einem „Ausbruch von Unvernunft“, wie Burkeman es nennt, ließen die 30 Gipfelstürmer, die an diesem Tag losmarschierten, ihre festgelegte Umkehrzeit verstreichen als sich auf dem schmalen Grat ein Stau bildete.

Ihre Zielbesessenheit, den Gipfel erreichen zu müssen, wurde zur tödlichen Falle. „Eine Überinvestition in Ziele“, der wir uns aussetzen, um die Ungewissheit der Zukunft besser zu ertragen, so Burkeman.

Positives Denken macht nicht unbedingt glücklich

Diese Ungewissheit treibt uns auch in die Arme von Motivationstrainern und Ratgeber-Autoren, die behaupten, wir müssten uns auf unsere positiven Gedanken und Gefühle konzertieren, um glücklich zu werden.

Warum der Autor daran nicht glaubt, erläutert er an anschaulichen Beispielen, peinliche Selbstversuche in der Londoner U-Bahn eingeschlossen.

Die Stoiker kommen ebenso zu Wort wie Einwohner eines Slums in Kenia, die laut einer Studie weit weniger depressiv sind als privilegierte Bewohner schicker Appartements an der New Yorker Upper East Side.

Das liege daran, vermutet Burkeman, dass die Kenianer schon aus purer Notwendigkeit tiefere Beziehungen zu ihren Angehörigen und Nachbarn pflegten.

Pessimismus ist, hat man sich erst daran gewöhnt, genauso angenehm wie Optimismus. 
Arnold Bennett, Schriftsteller

Von der Realität positiv überraschen lassen

Tiefe Beziehungen machen glücklich. Allerdings gingen diese immer mit Kontrollverlust und Verletzlichkeit einher.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung machte Burkeman klar: „Wer eine tiefe Beziehung erleben möchte, muss offen sein für mögliches Unglück, anders geht es nicht“.

Er spricht sich für eine negative Visualisierung aus. So kann mach sich – im besten Fall – von der Realität positiv überraschen lassen.

Einen kleinen Blick ins Buch gibt es hier.

Oliver Burkeman: Das Glück ist mit den Realisten, Piper, 2023, 288 Seiten, 22 Euro

 

Buchcover: Rick Rubin: Kreativ. Die Kunst zu sein.

 

Musikproduzent gibt spirtuelle Empfehlungen

Rick Rubins Buch ist schon im April erschienen, kein Grund, es nicht noch im Herbst zu lesen. Der 1963 geborene US-amerikanische Musikproduzent arbeitet mit den ganz Großen, darunter Adele, Aerosmith, die Red Hot Chili Peppers, Jay Z und Johnny Cash, U2, Metallica und Mick Jagger.

Und er sieht aus wie einer, dem man seine spirituellen Lebensweisheiten abnimmt: Langes, wallendes Haar, langer, weißer Bart, durchdringender Blick.

Sein Buch „kreativ. Die Kunst zu sein“ ist kein Ratgeber, in dem es um Kreativitätstechniken oder konkrete Anleitungen zum kreativen Schaffen geht. Der Meister setzt mit seinen Empfehlungen früher an: In uns und unserer Einstellung, derzeit Mindset genannt.

Zwischen Kalenderspruch und Wahrheit

Durchzogen sind seine Einsichten von fernöstlicher Philosophie und spirituellen Gedanken, die zwischen lauen Kalendersprüchen und tiefen, nachhallenden Weisheiten schwanken.

Etwa hier: „Welches Werkzeug du auch immer für den schöpferischen Vorgang nutzt, das wahre Instrument bist du selbst. Und durch dich wird das Universum, das uns umgibt, klar erkennbar“.

Mit eindringlicher, bildhafter Sprache

Wer für diese Art des spirituellen Inputs empfänglich ist, wird Freude an dem Buch haben. Ich selbst, vollkommen unesoterisch, habe es als Hörbuch während meiner Hundespaziergänge im Wald gehört.

Für jede Idee gibt es eine rechte Zeit. Und jede findet ihren Weg, um sich durch uns auszudrücken.
Rick Rubin, Musikproduzent

So konnte ich mich ganz gut auf Rubins Gedankenreisen einlassen, die oft an die Worte während einer Yogapraxis erinnern. Rubin zeichnet den Weg des Künstlers in einer einfachen, aber eindringlichen, bildhaften Sprache nach, die zum Weiterdenken inspiriert.

Allein Rubins Rat, bei einer Blinddarmentzündung auf die eigene Intuition und nicht auf den Rat der Ärzte zu hören, sei hier keinesfalls weiterempfohlen.

Hier kann man schon mal reinlesen. 

Rick Rubin: kreativ. Die Kunst zu sein. O.W. Barth, 2023, 416 Seiten, 24 Euro

Eine Ode an das Meer: Buch-Tipp im Juli

Eine Ode an das Meer: Buch-Tipp im Juli

Buchcover von

Eine Ode an das Meer

„Wenn mein Buch über das Meer poetisch ist, dann nicht, weil ich es bewusst so geschrieben hätte, sondern weil niemand wahrhaftig über das Meer schreiben kann, wenn er die Poesie dabei auslässt“. (Rachel Carson)

Ich liebe das Meer. Und ich liebe Bücher über das Meer. Auf meinem Urlaubslektüre-Stapel lag deswegen auch Richard Hamblyns Buch „Das Meer“, Untertitel: „Wie wir ihm seine Geheimnisse entlocken. Und es doch nie verstehen werden.“ Gelesen habe ich es am Strand, in jeder Lesepause das Türkisblau der Adria vor Augen.

Hamblyn nimmt uns mit auf eine poetische Reise über die Wellen und durch die Kulturgeschichte, zu Meeresungeheuern, Matrosen, Musik, Malerei.

Von Mythen, Monstern und Musik

„Das Meer“ verbindet sorgfältig recherchierte wissenschaftliche Fakten mit künstlerischen Ausdrucksformen und menschlichen Erfahrungen rund um eine der größten Geheimnis unseres Planeten.

Wir begegnen dem einsamsten Wal des Ozeans, Riesenkalamaren, und Bruce, dem mechanischen Monster aus Steven Spielbergs „Der weiße Hai“. Wir tauchen ein in vom Meer inspirierte Kunst, Musik, Filme und Literatur. Wir lernen die Sprache des Ozeans und das moderne SeaSpeak auf den Containerschiffen kennen. Und wir erfahren, warum die Matrosen auf Handelsschiffen Shantys sangen – und wie wichtig ihre Gesänge für den Alltag an Bord war.

Gesang, Sprache und Seefahrt

Abenteuerliche Entdeckungsreisen, uralte Handelswege, Navigation, Schiffbruch, Aberglaube: Hamblyn schöpft aus der ganzen Fülle an Themen, die die Ozeane für uns bereithalten. Dabei erzählt er unterhaltsam und genau, in Geschichten und Anekdoten, verwandelt die vielen sachlichen Informationen in eine gut lesbare, anschauliche Lektüre.

Nachdenkliche Schlussworte

Im Nachwort fordert der er den Schutz der Meere ein, für die das 20. Jahrhundert eine einzige, menschengemachte, Katastrophe war, von der Überfischung über die Verschmutzung mit Chemikalien und Plastik bis zur Erwärmung durch den Klimawandel. Er plädiert dafür, die Ozeane als weltweite Schutzzone anzuerkennen. So würden die Menschen vielleicht lernen,  ihren Wert und ihre fragilen Ökosysteme zu schätzen und Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit ziehen.

Fazit

Wunderschön illustriertes Sachbuch, dem man allein der Bilder wegen ein größeres Format gewünscht hätte.  Informative Sommerlektüre, besonders geeignet für einen Urlaub am Meer.

Richard Hamblyn: Das Meer. Wie wir ihm seine Geheimnisse entlocken und es doch nie verstehen werden, Knesebeck, 272 Seiten, 22 Euro

 

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